Freitag, den 01. Juli 2011 um 15:09 Uhr DEB
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      Am 01. Juli beginnt Jakob Koelliker offiziell seinen Job als Bundestrainer. Seit der Vorstellung auf der Pressekonferenz am 01. Juni hat er sich beim DEB bereits umgeschaut und Vorarbeit für seine künftigen Aufgaben geleistet. In einem Interview spricht er von seinen Erwartungen, die Feuertaufe, ausgerechnet gegen die Schweiz, und seine Entscheidung für das Eishockey – gegen Fußball.

        Nach über 35 Jahren Erfahrung als Coach und Spieler – was hat Sie dazu bewogen, den Bundestrainerposten beim DEB anzunehmen?

        Früher sorgten die Spiele gegen Deutschland immer für heiße Duelle! Für den DEB habe ich mich entschieden, weil ich die Chance erhielt, weiterhin im internationalen Eishockey tätig zu sein. Auf diesem Level konnte ich in den letzten Jahren sehr viel Erfahrung als Trainer sammeln. Dadurch lernte ich auch die verschiedenen Spieler und Spielkulturen der anderen Nationen kenn. Wenn ich jetzt mein Wissen auf dieser Bühne mit einer großen Nation anbringen kann, dann ist das eine tolle Herausforderung für mich. Ich freue mich sehr auf die Aufgabe.

        Hat man Sie überzeugen müssen?

        Von der sportlichen Seite her bestimmt nicht. Privat ändert sich natürlich nun einiges. Mit meiner Familie in der Schweiz musste ich doch einiges neu organisieren und wir haben ausgiebig gesprochen; sie unterstützt meine Arbeit zu hundert Prozent und steht hinter mir, was für mich immens wichtig ist.

        Sie wurden am 01. Juni dieses Jahres als neuer Headcoach der Nationalmannschaft vorgestellt. Haben Sie schon Kontakt aufgenommen, mit der Mannschaft, den Klubs, was Ihnen nach eigener Aussage sehr wichtig ist.

        Ja, der Kontakt zu den Klubs, den Spielern und dem Trainerstab ist mir sehr wichtig. Mit den Spielern beginne ich in den nächsten Tagen, mich zu treffen. Mit sämtlichen Staff-Mitgliedern und Assistenztrainer-Kandidaten hatte ich bereits regen Kontakt und Gespräche. Es ist auch Sommerzeit und alle müssen sich für die neue Saison organisieren. Ich werde zu allen genannten Gruppen demnächst Gespräche aufnehmen und fortführen.

        Wo sehen Sie objektiv die Mannschaft. Was sind ihre Stärken und was möchten Sie verbessern?

        Deutschland hat eine gute Basis und zuletzt sehr gute Resultate erzielt. Da gilt es dranzubleiben, weiterzuarbeiten und das Niveau zu festigen. Deutschland hat großes Potenzial, gute Einzelspieler, viele NHL-Spieler, die zwar nicht immer verfügbar sind, aber natürlich hofft man doch immer wieder auch auf den einen oder anderen Spieler aus der besten Liga der Welt.

        Ihr erstes Länderspiel, die Feuertaufe sozusagen, wird beim Deutschland Cup 2011 sein, der vom 11. bis 13. November in der Münchner Olympiahalle stattfindet. Und das gleich gegen die Schweiz. Wie bereiten Sie sich vor? Wie stimmen Sie die Mannschaft darauf ein?

        Ja, super! Ich habe das in unserem Aktionsprogramm gelesen! Große Gedanken habe ich mir ehrlich gesagt noch nicht gemacht. Das wird aber nichts Besonderes werden, es wird ein Eishockeyspiel sein wie jedes andere auch und es wird kommen wie es kommen muss. Derbys sind immer schön, egal auf welcher Seite man steht.

        Der aktuelle Kader wird auch für mich zunächst das Nonplusultra sein. Neue Nationalspieler kenne ich noch nicht, da muss ich mich erst noch hineinarbeiten, sprich Spieler beobachten, begleiten und finden. Natürlich stehen mir für diesen Prozess meine Assistenten zur Seite; wir werden in ständigem Kontakt stehen. Taktisch und vom Spielsystem her wird sich nicht viel ändern. Eishockey bleibt Eishockey! Im Prinzip ist es ein sehr einfaches Spiel, man kann es aber sehr kompliziert spielen! Punktuell müssen wir immer an Details, an Kleinigkeiten arbeiten, da wird ein Spiel entschieden. Generell etwas ändern will ich nicht, das kommt wenn nötig zu gegebener Zeit.

        Von Ihnen ist bekannt, dass Sie sehr auf den Nachwuchs setzen und jungen Spielern eine Chance geben, sich zu etablieren. Haben Sie sich schon mit der Jungendarbeit beim DEB vertraut machen können und welchen Eindruck haben Sie?

        Ich kenne das deutsche Eishockey auf internationalem Niveau, sprich A-NM und U20-Stufe, weil wir auch mit der Schweiz sehr oft gegen Deutschland gespielt haben (Koelliker war von 1999 bis 2010 Headcoach der Schweizer U20-NM und von 1995 bis 2010 auch Ass.-Trainer A-NM, Anm. d. Red.). Deutschland hatte immer gute und sehr gute Mannschaften und hervorragende Einzelspieler. Vor allem die Newcomer möchte ich unbedingt kennenlernen, mit ihnen arbeiten und sie auf ihre internationalen Aufgaben vorbereiten.

        In Ihrem Profil geben Sie sich visionär, suchen die Weiterentwicklung mit neuen Prozessen und neue Möglichkeiten im Spitzensport. Was genau meinen Sie damit?

        Ich war  jahrelang Ausbildungsverantwortlicher der Swiss Ice Hockey Association SIHA. In den letzten zehn Jahren haben wir viel bewegt, viele Nachwuchsprojekte angepackt und z.B. Stützpunkttrainings eingeführt. Besonders für die U20-Spieler hat man immer oder oft Spielgelegenheiten gesucht, um sich auch auf Seniorenlevel durchsetzen zu können, sprich auch Powerplay und Boxplay spielen zu können. Wir haben die Juniorenliga neu strukturiert, weil wir international stagnierten. In letzter Zeit haben sich da tolle Ergebnisse gezeigt und die Schweiz hat sich doch in den Weltgruppen etabliert. In Deutschland muss man erst sehen was möglich ist, auch finanziell, von Seiten des Verbandes und der Klubs, um eventuell auch hier langfristige Projekte anzuschieben. Es gibt da verschiedene Modelle, das der USA mit der U18 Academy oder das der Schweden, die eine Menge bewegt haben in den vergangenen sechs bis zehn Jahren. Eins zu eins kopieren kann man so ein Modell sowieso nicht! Wir werden also sehen, was für Deutschland der richtige Weg ist, um international mitmischen zu können. Analysearbeit ist jetzt gefragt, das heißt wir müssen die Länderspielprogramme, die Gegner, die Turniere überdenken, was uns weiter bringen kann. Ist es dies oder das oder müssen wir gar etwas ganz Neues anpeilen. Dazu kommt, dass wir die Spieler nicht 365 Tage im Jahr zur Verfügung haben. Also müssen wir unbedingt mit den Klubs zusammenarbeiten und die Zeit, die wir mit den Spielern haben, möglichst optimal nutzen um gewisse Fortschritte zu machen. Zudem kommt das ganze Aktionsprogramm; es ist nicht einfach zu gestalten, denn man kann nicht jederzeit gegen jeden gewünschten Gegner spielen. Da ist viel Kommunikation gefragt, auch intern. Das Auf und Ab geht im Sport bekanntlich sehr schnell und man muss immer aufpassen, den Anschluss nicht zu verpassen.

        In Ihrer Vita kommt immer wieder das Wort "Ehrlichkeit" vor. Wie wichtig ist Ihnen diese Eigenschaft?

        Sehr wichtig. Die Vertrauensbasis, der Respekt untereinander steht bei mir ganz oben. Ich finde, wenn man mit mir über etwas spricht, dass das dann auch so ist und man sich an das gebunden fühlt, was man besprochen hat.

        In vorangegangenen Interviews haben Sie gesagt, sie seien "ein loyaler Trainer". Was bedeutet Loyalität für Sie?

        Ich gebe mir sehr Mühe, offen und ehrlich zu sein. Wenn ich beispielsweise mit einem einzelnen Spieler etwas bespreche, dann bleibt es auch dabei und bleibt unter uns. Ich sage nicht irgendjemandem etwas, damit der zufrieden ist und mache es dann ganz anders.

        Woher kommt eigentlich Ihre Begeisterung für den Eishockeysport?

        Eishockey wurde mir ein bisschen in die Wiege gelegt. Ich bin neben einer Eisbahn aufgewachsen; also im Winter war es eine Eisbahn und im Sommer ein Fußballfeld. Bis zu meinem 14. Lebensjahr habe ich begeistert Fußball gespielt, sogar begnadet, sagt man (lacht). Zwei oder drei Saisons habe ich beides gespielt, Fußball und Eishockey. Irgendwann hat mir mein Vater ein Ultimatum gesetzt: Schule muss sein, alles andere kann sein. Dummerweise überschnitten sich die Spiele im Frühling und im Herbst. Und weil er mich im Herbst gefragt hat als die nächsten Eishockeyspiele vor der Tür standen, habe ich Eishockey gewählt. Hätte er mich im Frühjahr gefragt als mehr Fußballspiele anstanden hätte ich mich vielleicht anders entschieden. So habe ich weiter Eishockey gespielt und wie jeder andere im Juniorenbereich meinen Weg gemacht. Erst kam ich in die erste Mannschaft im Klub (EHC Biel)  später in die Juniorennationalmannschaft und schließlich mit 20 Jahren in die A-Nationalmannschaft; also die klassische Sportlerkarriere. Allerdings bin ich erst mit 29 Jahren Vollprofi geworden, weil es zuvor bei uns in Biel nur eine Art Halbprofessionalität gab.

        Haben Sie Ihre Entscheidung für das Eishockey jemals bereut?

        Nein, nie! Zumal ich nach meiner Karriere ins Trainergeschäft eingestiegen bin und so die Faszination dieser Sportart immer weiterleben kann.

        Würden Sie ein persönliches Wort an die Fans der Nationalmannschaft richten, bitte?!

        Ich hoffe, dass wir Euch mit der Mannschaft und unseren Leistungen weiterhin begeistern können. Ich habe Euch immer als sehr gute, treue und heiße Fans wahrgenommen. Ihr seid kritisch, aber immer fair. Ich würde mich freuen, wenn ihr bei der Mannschaft bleibt und sie weiterhin so toll unterstützt wie ihr es auch in der Vergangenheit getan habt.

        Vielen Dank für das Interview.

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